Ostsee Zeitung / Donnerstag, 14. Juni 2007

Klingende Farben

Der Rostocker Maler Waldemar Krämer feiert heute seinen 75. Geburtstag

Rostock (OZ) Die Landschaft hat sich in lauter kleinen Flächen aus Farbe aufgelöst. Aus der Distanz ist noch eine Horizontlinie zu erkennen, ein Unten und Oben, auf das es aber nicht mehr ankommt. Entscheidend ist das Verhältnis der Flächen und Formen, der Linien und Konturen im Raum – und das heißt in diesem Fall: auf der Leinwand.

Es ist dieses alte Prinzip der Malerei, das der Rostocker Maler Waldemar Krämer immer wieder neu angeht und auf der Leinwand durchdekliniert. Mal simpel und reduziert, mal form- und farbgewaltig. Waldemar Krämer gehört zum Urgestein der Rostocker Malerszene, auch wenn er zehn Jahre lang gar nicht in der Stadt lebte. Zwischen 1993 und 2003 arbeitete er in Friesland. Doch der Maler kehrte samt seiner Ehefrau in die Hansestadt zurück – und ist jetzt wieder voll da. Derzeit zeigt der Kunstverein zu Rostock im Mönchentor zahlreiche Arbeiten des Künstlers. Passend zu seinem Geburtstag: Heute feiert Waldemar Krämer seinen 75. Geburtstag.

Geboren wurde Waldemar Krämer in Kaunas. Krieg und Vertreibung brachten die Familie nach Südostdeutschland. In Arnstadt lernte Waldemar Krämer Maler. Allerdings habe es ihn schon als Kind zur Kunst gezogen, sagt Krämer und erzählt eine Anekdote: In der Schule hatte einer seiner Lehrer die Idee, die Schüler ihre Eindrücke eines Musikstücks zeichnerisch zu Papier bringen zu lassen. Die Musik lief, und auf Waldemar Krämers Pult landeten nach und nach die Blätter der Mitschüler, die er rasch füllte. Dem Lehrer bescherte er damit ein schönes Erlebnis, denn der freute sich über die vielen talentierten Schüler in der Klasse. Mehr noch dürfte Krämer sich selber mit einer Übungsstunde in Sachen Malerei beschenkt haben.

Nach dem Studium in Erfurt und Dresden kam Krämer 1958 als freischaffender Maler nach Rostock. Im Mönchentor sind auch Arbeiten aus diesen frühen Jahren zu sehen. Am Konservatorium, wo Krämer als Dozent arbeitete, entstanden Bilder von Musikern, ein dynamisches Streichertrio zum Beispiel. Ein Bild, in dem sich der kühne Schwung der Linien mit der Skizzenhaftigkeit der Orchesterprobe gut verträgt. Daneben finden sich kleine Radierungen mit einem kubistischen Kopf und sachliche Stadtlandschaften en miniature, gleich gegenüber ein Frauenkopf. Denn Krämer ist auch ein passionierter Porträtmaler.

Die Gegenständlichkeit der frühen Jahre ging später verloren. Besonders nach den Ereignissen von 1989 bekommen Formen und Farben in Krämers Bildern ein quirliges Eigenleben, während die Motive, die der Künstler verarbeitet, gleichsam direkt vor Augen liegen. „Ich male nicht aus dem hohlen Bauch“, sagt Krämer. Seine Motive findet er in der Natur oder in der unmittelbaren Umgebung. Verarbeitet werden die alltäglichen Motive in großformatigen Acrylbildern, aber auch in Mischformen wie Collagen, in die Krämer aber immer zeichnerisch eingreift. Und auch das Material ist nicht selten alltäglich. Krämer übermalt häufig Zeitungsseiten, denen er mitunter ein gewisses Eigenleben lässt.

„Es geht mir in meinen Bildern darum, Linien, Farben und Flächen gegeneinander auszuspielen, bis sie zu klingen beginnen“, sagt Krämer. Zentral sind für ihn allerdings nicht ästhetische Erwägungen, sondern menschliche. In jedem Bild müssen menschliche Konturen erkennbar sein, sagt Krämer, männliche und weibliche Linien und Farben. „Sonst spricht das Bild nicht an und bleibt kalt.“ Tatsächlich finden sich in den scheinbar mühelos aufs Papier geworfenen Studien und auch in den Landschaften Andeutungen von Leibern oder Gesichtern, Köpfen, Profilen.

Waldemar Krämers Atelier in der Wohnung mitten in der Rostocker Innenstadt ist klein, für viel mehr als eine Staffelei mit einem begonnenen Bild und den Tisch mit den Malutensilien ist kaum Platz. Und doch mag man gerade in der Beschränkung der Mittel, in der Konzentration auf das Wesentliche den Einfluss erahnen, den Krämer auf folgende Malergenerationen hat. Denn der einstige Schüler von Hans Grundig ist selber zum Lehrer für junge Künstler geworden, die seinen Anspruch einer menschlichen Kunst fortführen.

M. SCHÜMANN

 
Waldemar Krämer in seinem Rostocker Atelier.

Foto: Schümann