Ostsee Zeitung / Montag, 7.März 2005

Ahnungen durchs Fenster aus Wachs

Der Kunstverein zu Rostock gewann mit Steffi Weigel seine bislang jüngste Künstlerin für eine Ausstellung. Zu sehen sind Malerei und Fotos.

Stadtmitte Bröckelndes Wachs überzieht die Tuschepigmente; unter der Patina blicken vier Kindergesichter dem Betrachter ernst in die Augen. Die vier sind Geschwister aus einem englischen Waisenhaus; deren Bilder aus den Anfangszeiten der Fotografie entdeckte sie in einer Zeitschrift, berichtet Steffi Weigel, die die verblüffende Wachs-Tusche-Technik in ihrem Berliner Atelier „gerade erst erfunden“ hat. „Ich wollte, dass die alten Portraits mit Zeit in Berührung kommen“, erklärt die 29-Jährige, die ihre fertige Malerei mit Wachs überzog, die Schicht bügelte, sie stückweise wieder abbröckeln ließ. „So entstand ein Fenster ins heute“, sagt Steffi Weigel, die nach einigen Semestern Kunstpädagogik und Kunstgeschichte 2002 ihr Studium der Malerei und Grafik in Dresden mit dem Diplom abschloss.

Seit Mittwochabend sind 23 ihrer Arbeiten in einer Verkaufsausstellung im Mönchentor zu sehen – die Meisterschülerin des Dresdener Professors Ralf Kerbach ist die jüngste Künstlerin, die bislang in der Galerie ausstellte. Mitgebracht hat sie neben zwei Landschaften und einem großfomatig in Szene gesetzten „Zitat“ des japanischen Farbholzschnitzers Hokusai, der vor 200 Jahren erotische Miniaturen in kleiner Auflage in Umlauf brachte, vor allem Portraits. Auf die Leinwand gebannt hat sie Personen, „die entweder sehr viel oder gar nichts mit mir zu tun haben“ – die Freundin, die Tante oder die Großmutter ebenso wie den Schauspieler Klaus Kinski, den Musiker David Bowie oder den jungen Elvis Presley. „Gesichter sind mein Zuhause“, bekennt Steffi Weigel, die ihre Motive vor dem Malen entweder selbst mit der Kamera einfängt oder die Vorlagen in alten Zeitschriften, Büchern oder Fotoalben entdeckt, nach denen sie auf Flohmärkten stöbert. Sie wählt eigene Ausschnitte, zieht die Gesichter heran, denkt sich in ihre Geschichte hinein, kommt ihnen auf diese Weise nahe.

Überaus interessant auch die Zusammenstellung von 4000 Fotos, auf denen Steffi Weigel Menschen jeglichen Alters und jeglicher Nation mit einem roten Schild posieren ließ: Ad hoc sollten sie ihre Einstellung zum Thema Liebe symbolisieren. Die Ausstellung „Ahnungen“ bleibt noch bis zum 9. April im Mönchentor.

MARTINA PLOTHE