Ostsee Zeitung / Mittwoch, 11. Juli 2007

Bilder aus der Zeit(ung) und Rosen aus Ton

Der Kunstverein zu Rostock zeigt Radierungen und Kleinplastik von Günter Egger und Martina Funder aus Wien


Rostock (OZ) Kleine Formate, edler Druck feines Papier – aufgereiht an der Wand der Rostocker Galerie Amberg 13 muten die Radierungen des Österreichers Günter Egger zunächst an wie die Präsentation einer kunsthistorisch kostbaren Kollektion. Schöne Landschaften vielleicht? Prächtige Porträts in Rembrandtscher Manier? Weit gefehlt!

Bei näherem Hinsehen erweisen sich die Sujets der altmeisterlich gearbeiteten Drucke als seltsam vertraut und verfremdet zugleich. Bilder aus der Zeitung sind es – zum Teil sogar solche, die vielen Menschen bekannt sein dürften. Eigentlich längst abgetane Ausschnitte der Wirklichkeit mithin, die der Künstler vor dem Papierkorb gerettet, mit Radiernadel, Säure und Druckerpresse neu gefasst und zu dauerhafterer Betrachtung ausgestellt hat.

Das neueste Bild in der neuen Ausstellung des Kunstvereins zu Rostock ist noch ganz frisch (siehe oben). In der OSTSEE-ZEITUNG ist das Agenturfoto, das ihm zugrunde liegt, am 7. Juni hunderttausendfach gedruckt worden – zusammen mit der Schlagzeile „Der Marsch auf Heiligendamm“. Egger hat es im Wiener „Standard“ gesehen, am 8. Juni seitenverkehrt radiert und „G.(EH) 8“ darunter geritzt. Vielleicht gibt es besonders jetzt und hier – so nahe am Ursprungsort – erneut zu denken.

Während des ersten Irak-Krieges hat der an der Wiener Kunstakademie ausgebildete Maler und Grafiker damit begonnen, Zeitungsfotos zu sammeln und künstlerisch zu verarbeiten. Das tut er seither immer wieder, wenn ihm etwas grafisch reizvoll oder inhaltlich wichtig erscheint, und so finden sich in der Schau – wie in einer Zeitung – die verschiedensten Motive nebeneinander: ein Friedhof in Bosnien, eine Planierraupe auf der Müllkippe, Radrennfahrer und Schwimmerinnen, arme Schweine, explodierte Busse und startende Kampfjets. Keine netten Blätter in der Mehrzahl, sondern Kunst mit Widerhaken für den Geist. Dazu zeigt Egger in Rostock auch andere Facetten seines druckgrafischen Schaffens, in dem er jedenfalls ein Meister ist.

Zwischen den Bildern laden kleinplastische Objekte von Martina Funder den Betrachter zu räumlichen Erkundungen ein. Die Künstlerin, die in Wien Malerei und in Linz Keramik studiert hat, macht in ihren reizvollen Arbeiten deutlich, wie aus einfachen Dingen – Kacheln, Streifen, Schnecken oder Rosen aus Ton – etwas Kraftvolles und Schönes wird. Oder aus vielen kleinen Elementen etwas Großes. Und sie baut und glasiert architektonische Strukturen, die ebenso stabil wie fragil erscheinen. Dabei geht sie stets von Sachen aus, die sie gesehen hat: Drei Objekte mit dem Titel „bag“ (engl. für Beutel) sind eigentlich von Ziegelbauten inspiriert. Die Henkel hat die Künstlerin erst nachträglich hinzugefügt.

Mit dieser Schau verlässt der Kunstverein zu Rostock vorerst sein Stammquartier im Mönchentor der Stadt. Weil dessen Räume wegen Bauarbeiten in der Nachbarschaft derzeit nicht zugänglich sind, werden die nächsten Ausstellungen in der ehemaligen Altstadtgalerie Amberg 13 gezeigt „Aus der Not eine Tugend machen“, nennt das Vereinsvorsitzender Wolfgang Friedrich, denn Räume und Lage sind für die Kunst gut geeignet. Mit Egger und Funder gibt es da einen Neuanfang, der sich sehen lassen kann.

Eröffnung heute, 19 Uhr in der Altstadtgalerie Rostock, Amberg 13, Einführung: Dr. Katrin Arrieta

Bis 23. August Do - Sa 13 - 18 Uhr

Internet: www.kunstverein-rostock.de

JAN-PETER SCHRÖDER

 
Martina Funder und Günter Egger in ihrer Rostocker Ausstellung. Beide Künstler leben und arbeiten zusammen in Baden bei Wien.
 

„Bags“ nennt Martina Funder diese Objekte. Ursprünglich als architektonische Strukturen aus kleinen gleichen Teilen gebaut, werden sie durch den Gag mit dem Henkel zu tönernen Beuteln.

 

Die Radierung „G.(EH) 8“ schuf Günter Egger unmittelbar unter dem Eindruck eines bekannten Pressefotos von den vielen G8-Gegnern, die am 6. Juni durch die Felder nach Heiligendamm wanderten.

Repro und Fotos: Th. Häntzschel/nordlicht