Ostsee-Zeitung  | Wochenendausgabe, 07. April 2007  |  Kultur

Wilde zeigt Bilder als Seelenlandschaften


Rostock (OZ) Bilder sind das, wie Tagebücher. Am Mittwochabend eröffnete der Kunstverein zu Rostock die Ausstellung „Schwer zu Beschreiben“, in deren Rahmen in den kommenden Wochen das umfangreiche (Euvre des Grafikers, Zeichners und Malers Erhard Wilde zu bestaunen ist.

Der in Münster lebende und arbeitende Künstler versteht sich selbst als Autodidakt im klassischen Sinne: Nach einer Ausbildung zum Kartografen und Arbeit als Steward der Handelsmarine datiert der nunmehr 66-Jährige den Beginn seines kreativen Schaffens erst relativ spät auf das Jahr 1990. Fortan spezialisiert auf Federzeichnungen und Kaltnadelradierungen macht Wilde sich dennoch schnell einen Namen, zahlreiche Einzelausstellungen im In- und Ausland sowie ein Grafik-Stipendium der renommierten Aldegrever-Gesellschaft folgen.

Was den geneigten Betrachter nun im Mönchentor erwartet, ist „Kunst als innerer Kosmos“, wie die Stralsunder Kunsthistorikerin Friederike Thomas es während der Einführungsveranstaltung formulierte. Mehr als nur einmal erscheint Wildes Werk als Röntgenbild seiner Biografie. So lässt sich die Präzision und Disziplin des Kartografen in seinen oftmals von kalligrafischen Elementen dominierten Zeichnungen ebenso ausmachen wie die Sehnsucht nach fernen und exotischen Archipelen in den expressiv kolorierten Holzschnitten und Malereien. Eine entscheidende Prägung erfährt Wildes Kunst zudem, als er mit nur 52 Jahren einen Infarkt mit Herzstillstand erleidet. Als Zäsur und Katalysator zugleich offenbart sich diese existenzielle Erfahrung in vielgestaltigen Chiffren der Vergänglichkeit, welche den Arbeiten des Münsteraners stellenweise einen dunklen Anstrich verleihen.

Wilde selbst versteht diese vornehmlich als „Landkarten des Inneren“, bei deren Entwurf er nur zu gern intuitive Willkür walten lässt. „Ungebremste Fantasie“ sei die eigentliche Triebfeder seines kreativen Schaffensprozesses, ein Plan für intellektuelle oder künstlerische Grundaussagen existiere in den meisten Fällen nicht, wenn das weiße Blatt vor ihm liege. „Kontrolle reduzieren, Zufall provozieren“, so die Maxime des Künstlers. „Bei späterem Betrachten wundere ich mich oft selbst, dass dieses oder jenes Bild in mir geschlummert hat“, erklärt Wilde, mit jedem seiner Werke betrete er aufs Neue die „Terra incognita“ der eigenen Seele.

Die kaleidoskopische Detailvielfalt, das Mosaik verschlungener Figuren und Ornamente, wie sie Wildes „unbekanntes Land“ beheimatet, verwehren sich entsprechend gegen ein vorschnelles Entschlüsseln. Ganz im Sinne ihres Schöpfers, fühlt sich der Betrachter vielmehr angehalten, eigene Ideen zu entwickeln, ist bisweilen irritiert und ratlos, vor allem aber fasziniert.

Zur Reise in ein fremdes Unterbewusstsein lädt der Kunstverein zu Rostock noch bis zum 19. Mai in die Galerie Mönchentor ein.

„Schwer zu Beschreiben“ in der Rostocker Galerie Mönchentor, Strandstraße; Do. bis Sa. 13 – 18 Uhr; Tel. (03 81) 45 91 222

ULRIKE NIMZ


Erhard Wilde in seiner Ausstellung „Schwer zu Beschreiben“ in Rostock.

Foto: Häntzschel