Mittwoch, 17. März 2004

Bilder von der Baustelle des Malers

Der Künstler Johannes Müller zeigt im Rostocker Mönchentor, wie er sich spielerisch eine faszinierende Welt erschafft

Rostock (OZ) Ein Kalk, ein Stein . . . ein Bild – einige von den jüngeren Arbeiten des Rostocker Malers Johannes Müller sehen in Farbwirkung und Oberflächenbeschaffenheit tatsächlich nach Baustelle aus. Die erdigen Rost-, Rot- und Ockertöne seiner Palette spiegeln warmes Sonnenlicht auf Back- oder Haustein. Asche und Schlamm mögen als Putz oder Mörtel durchgehen. Und erinnern nicht manche seiner konkreten, zeichenhaft reduzierten Formen sogar an Werkzeuge? Die Möglichkeit, in seiner weitgehend abstrakten Malerei Gegenständliches zu sehen, gehört für Müller durchaus zum kunstvollen Spiel. Seine neue Ausstellung, die der Kunstverein zu Rostock ab heute Abend im Mönchentor zeigt, heißt „Räume – Körper – Figur. Inszenierung einer Baustelle“.

   Der Name umreißt das Thema, das den 68-Jährigen im Atelier umtreibt, und macht zugleich deutlich, dass es ihm weniger um die uns umgebende Welt geht, als vielmehr um die Erschaffung und Erforschung einer eigenen Kunstwelt. Manche seiner starken, farblich subtilen Inszenierungen erscheinen komplex und verschachtelt, wollen ausgiebig durchwandert und erkundet werden. Die meisten der ausgestellten Blätter aber sind eher einfach und klar strukturiert. Vielfach zeigen sie Figuren – in äußerster Abstraktion etwa als aufrecht stehender Block im optischen Wettstreit mit dem eigenen, gemalten Schatten. Andere nehmen – wenn man so will – bestimmte Posen ein, verharren in einer vorgestellten Bewegung, die weitergedacht werden kann.

   Die Dynamik passiert allerdings im Kopf, denn die Bilder selbst wirken statisch – wie der Titel der Schau. Müller „baut“ seine Bilder, indem er sie malt, und seine Figuren setzt er so lange in Szene, bis es spannend wird. Der Stein des Anstoßes stößt den Betrachter an, wenn der sich darauf einlässt.

   Echte Steine gibt es auch. Mit Mini-Bühnen, in einer Vitrine aufgebaut, gewährt Johannes Müller Einblick in seine Werkstatt. Vor eine rostige Platte stellt er ein Stück verkohltes Holz und einen kleinen Felsbrocken. Neben einem hohen, gefalteten Papp-Quader türmt er faustgroße Bruchstücke von Ziegelsteinen übereinander. „Ich stelle mir ein Gebilde hin, das ich bespielen kann“, erklärt er diese Seite seiner Arbeit, die von jeher mit Theater, Tanz und Pantomime zu tun hat. Seine steinernen Figurinen könnten durchaus menschliche Figuren sein. Spannung auf der Szene entsteht schon durch eine kleine Drehung. „Darum geht es in der Kunst“, sagt Müller. „Etwas zu zeigen, was eigentlich künstlich ist. Die Bühne ist der Bannkreis, den ich eröffne durch meine Bewegung.“

   Neue Welten erfindet und „erspielt“ der Künstler, der schon seit 1958 in Rostock wirkt und zu den bedeutensten Malern des Landes gehört, aber vor allem auf der Fläche. Übereinander gebaute Quader gibt es auch als Zeichnung. Hellbraune Farbe auf ölbefleckter Zeitung sieht von fern aus wie eine romanische Mauer. Den Impuls zum Sinn-Sehen mag Müller gar nicht wegdrängen. Was ihn interessiert, ist gerade dieses Kippen, bekennt er: „Wann schlägt die Gegenständlichkeit ins Abstrakte um? Das finde ich spannend.“

   Fasziniert ist Müller auch von einem Buch, das quasi den Hintergrund der ganzen Schau bildet. Es heißt „Les pierres sauvages“, (bei dtv „Singende Steine“), und geschrieben hat es der Architekt Fernand Pouillon als fiktives Tagebuch eines mittelalterlichen Baumeisters, der im zwölften Jahrhundert in Südfrankreich das Zisterzienserkloster Le Thoronet errichtet. Müller malt seine Abtei als gleißend hellen Farbriegel vor einem grünen Himmel von oxidiertem Kupfer. Auf seiner Baustelle erfindet er sie lieber selbst.

Eröffnung heute um 19 Uhr in der Rostocker Galerie Mönchentor. Zu sehen bis zum 29. April, Di bis Sa 12 - 17 Uhr.

Internet: www.kunstverein-rostock.de

JAN-P. SCHRÖDER

   

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Der Maler und sein Material: Für Johannes Müller kann auch eine rostige Stahlplatte Bild sein. Die Abtei (links oben) hat er aber selbst erfunden.

Fotos: Th. Häntzschel