"MS Thälmannpionier", Karl-Heinz Kuhn, Öl
 

Nach der Pause von etwa einem halben Jahrhundert besann man sich in Rostock auf eine Tradition – die der Kapitänsbilder. Die Idee dazu kam aus der Werbeabteilung der DSR bzw. des Kombinates Seeverkehr und Hafenwirtschaft.

Ist der Begriff der „Kapitänsbilder“ bereits für das 18. und 19. Jahrhundert verwirrend, so war er im Wortsinn an dieser Stelle erst recht deplatziert, waren doch die Auftraggeber nicht die Kapitäne, sondern das Kombinat. Das Genre hatte sich aber unter der Bezeichnung etabliert und es sollte bewusst an den Stolz der Kapitäne vergangener Jahrhunderte angeknüpft werden. Der größte Stolz der volkseigenen Reederei waren die auf der Neptun- und der Warnowwerft oder in Wismar bzw. Stralsund gebauten modernen Handelsschiffe, deren eigene funktionale und technisch geprägte Ästhetik den Bildinhalt und Mittelpunkt ausmachen sollten und die es nun darzustellen galt.

Die Idee zu diesen Aufträgen war bereits vor etwa 25 Jahren, um 1978 in der DSR entwickelt worden. Bei der Abnahme der ersten Arbeiten 1982 verkündete der Auftraggeber die „Auffassung, dass diese Auftragswerke auch eine Chance für den Bezirksverband des VBK sein können, republikweit zu beweisen, wie eine künstlerische Synthese von Tradition und heutiger Kunstauffassung entwickelt werden kann." (Archiv DSR ALB). Die „Chance" wurde aber von den Vertretern des Verbandes nicht ganz so gesehen. Als ideal gelungen galt den Auftraggebern in den Bildern die Verbindung von „Kunstpolitik mit den ökonomischen Belangen unserer Seeverkehrswirtschaft," wie es der Generaldirektor des Kombinates 1984 formulierte. Weiter sagte er: „Die vielfache Reaktion der Besucher bewies, dass sie (die Kapitänsbilder - W.K.) sich ähnlicher Beliebtheit erfreuen, wie es im allgemeinen von historischen Schiffsdarstellungen bekannt ist." (Archiv DSR ALB). Das Argument der Besucherreaktion zielte gegen die Debatten bei der Auftragsabnahme im selben Jahr. Dort war nämlich festgestellt worden: „Einspruch wurde erhoben im Falle grundsätzlicher Abweichungen vom vorgegebenen Schiffstyp. Die Argumente der Vertreter des VBK ... bezogen sich ausschließlich auf künstlerische Gestaltungsfragen der vorgelegten Bilder. Dabei war keine einheitliche Konzeption erkennbar, sodass sich die Diskussion oftmals im Kreise bewegte und zur Verunsicherung der beauftragten Künstler führte. ... Übereinstimmend wurde festgestellt, dass bei der Hintergrundgestaltung die malerischen Fähigkeiten des Künstlers am besten ausgedrückt werden können. Nicht alle haben diesen Spielraum in vollem Umfang genutzt... Eine Unterscheidung zeigte sich auf diesem Gebiet schon durch die Auftragsvergabe an Maler und Gebrauchsgrafiker. Bei der Gestaltung der Schiffe reichte die Darstellung von der technisch-detaillierten Form bis zur situationsbedingten Bildkomposition. ... Auch bei einzelnen Künstlern spiegelten sich in 2 Bildern verschiedene Auffassungen wider (Rainer Dörner Inselsberg/Rostock und Lothar Mannewitz Wolgast/S. Jähn). ... Strittig bleibt weiterhin das Problem der künstlerischen Gestaltung des Schiffes." (Archiv DSR ALB)

18 oder 19 dieser Porträts wurden realisiert. Dabei entwickelte sich das Kuriosum, dass sich die vordergründig politische Intention zur Darstellung der wirtschaftlichen Erfolge der DDR auf dem Weltmarkt durch die Dominanz von Seeleuten und Schiffbauern im Kreis der Auftraggeber weitgehend auf eine rein technikästhetisierende Malerei reduzierte. Offensichtlich ist 1985 dieses Auftragsgebiet gestoppt worden, denn ein Jahr danach lieferte Rolf Werner aus Bansin sein Kapitänsbild ab, das als das letzte dieser Serie anzusehen ist. (OZ 20.3.1986)

Die Bezeichnung für dieses Genre wechselte im Laufe der Jahre und auch nach der Laune der jeweiligen Skribenten. Neben den „neuen Kapitänsbildern“ wurde auch von „Kapitänsbildern der Gegenwart“ (OZ 1./2.10.1988) oder meistens von „Kapitänsbildern der Neuzeit“ (OZ 16.11.1982) gesprochen.

Als Vorlage für die klassisch in Öl auf Leinwand ausgeführten Bilder, für die ein einheitliches Format vorgegeben war, dienten in den meisten Fällen lediglich Fotografien von den Schiffen und von den Einsatzgebieten, die auf dem Bild dargestellt werden sollten.

Erst 1989 äußerte sich Reinhard Dietrich als Bezirksvorsitzender des Verbandes Bildender Künstler öffentlich zu diesem schwierigen Genre: „In der Gewissheit, mit der Fortsetzung dieser Tradition nur freudige Zustimmung zu finden ..., gab es für viele überraschend heftigen künstlerischen Streit, der mitten durch unseren Verband hindurchgeht, nachdem nun über ein Dutzend solcher Bilder gemalt und mit großem Publikumserfolg im In- und Ausland gezeigt wurden. Worin besteht der Kern der Auseinandersetzungen? ... Was bei einem alten Segelschiff reizvoll war und mit der reichen Takelage fast zu ornamentalen Wirkungen führte, gerät bei einem modernen Schiff leicht in den Bereich einer technischen Zeichnung. Der Kompromiss, Zurücknahme des Details zu akzeptieren, wenn die wesentlichen Merkmale das dargestellte Schiff klar erkennen lassen, hat einige Maler ermutigt, konkrete Landschaftssituationen, abgeleitet von den jeweiligen Schiffsrouten, zu nutzen, um Lebendigkeit in die sonst sehr nüchterne Bildwelt zu bringen. Von vielen Malern, auch von den meisten Kunstwissenschaftlern, wird das mit der Begründung abgelehnt, das sei theaterhafte Staffage und hätte mit einem echten Bilderlebnis nichts zu tun. Mich persönlich überzeugt das Bild des Frachters ‚Wismar' von Karin Zimmermann, das fast als einziges ohne gebrauchsgrafische Mittel auskommt und eben Malerei ist, nicht mehr und nicht weniger. ... Rezepte gibt es nicht, wie auch Beschlüsse wenig helfen." (Dietrich S. 28). Die Auftraggeber fanden dagegen das Wasser auf dem Bild von Karin Zimmermann „zu braun". Es sähe eher wie ein Schiff auf dem Acker aus. (Schlüter)

Die Auftraggeberseite beurteilte das Dilemma um die Kapitänsbilder optimistischer. Der Direktor für kulturelle und soziale Betreuung des Kombinates schätzte 1988 auf einer Beratung in der Rostocker Bezirksleitung der SED ein: „Unsere Forderung war, das Wesentliche des jeweiligen Schiffes im Bild darzustellen, wobei freigestellt wurde, ob eine maßstabsgerechte Detailtreue oder eine künstlerische Interpretation der Details vom Künstler verwirklicht wird. Bei der Abnahme zu den Kapitänsbildern gab es viele Diskussionen zwischen den Künstlern untereinander, dem VBK und uns, dem Auftraggeber. ... Heute können wir feststellen, dass die Kapitänsbilder eine bedeutende Popularisierung im besten Sinne erreicht haben. Wie Wirkungen der Kunst auch für ökonomische Zwecke nutzbar gemacht werden können, beweist die große Resonanz dieser Bilder auf Messen und Ausstellungen in Leipzig, Antwerpen, London, Paris und Singapur.“ (Archiv DSR ALB)

Die entstandenen Werke waren und sind gerade wegen ihrer oft fotorealistischen Art nicht unumstritten. Trotzdem sind sie heute nicht nur von dokumentarischem Wert, sondern stellen gerade wegen ihrer strengen, durch den Auftrag reglementierten Gestaltung und den praktizierten Fotorealismus eine Besonderheit der DDR-Kunst dar, die kein Analogon findet. Sie gelten als das Herzstück und der Stolz in der Stiftungssammlung.

Wolf Karge

   
 
"MS Rostock", Rainer Dörner, Öl
 
"MS Edkar Andrè", Jochen Bertholdt, Öl
 
MS "Karl Marx", Wolfgang Schlüter, Öl
 
"MS Wismar", Karin Zimmermann, Öl
 
 
  KAPITÄNSBILDER
aus der Stiftung Kunstsammlung
der Deutschen Seerederei
   
 

Ausstellungsdauer
vom 06.08.2004 bis 29.09.2004

   
 


      ^ Top