Vom 26. April bis zum 6. Juni 2012 zeigt der Kunstverein Rostock eine Text-Foto-Arbeit von Judith Siegmund, die den Titel trägt „Erinnern ist Vergessen. Vergessen ist Erinnern.“ 2010 war die Künstlerin Atelierstipendiatin der Hansestadt Rostock und bewohnte die Atelierwohung in der Östlichen Altstadt. Fast genau an dem Ort, an dem die Atelierwohnung sich befindet, verbrachte Judith Siegmund von 1972 bis 1979 ihre Kindheit. Dort bezog sie 1983 im Alter von siebzehn Jahren eine der vielen Schwarzwohungen. Im Rahmen ihres Stipendiums kehrte die Künstlerin also zurück an den Ort, an dem sie zum großen Teil aufgewachsen ist.
Siegmund fotografierte während ihres Stipendiums dreißig Orte, mit denen sie Erinnerungen verbindet und schrieb zu jedem Foto einen Erinnerungstext. Das Verhältnis von Text und Bild ist aber nicht das einer textlichen Erläuterung von dem, was man auf dem Bild sieht. Vielmehr erzählen die Texte etwas anderes als was man auf den 2010 entstandenen Fotos entdecken kann. Die allumfassenden Umgestaltungen nach dem Ende des Sozialismus haben den Charakter des Stadtteils gänzlich geändert, so dass die Betrachter der Fotografien zu dem Ergebnis kommen müssen, dass das Erinnerte sich nicht mehr in dem Gesehenen manifestiert. Es geht Siegmund aber nicht um eine Romantisierung der Vergangenheit oder um die Nostalgie der Kindheit.

„Der Künstlerin geht es auch nicht darum, die Zeiten menschlicher Unterdrückung und Erniedrigung zu glorifizieren oder das Streben nach einer besseren Lebensqualität zu kritisieren. Sie macht stattdessen auf einen Prozess aufmerksam, der weniger mit dem Erinnern als mit dem Ausblenden gewisser historischer Ereignisse zu tun hat. Deutlich wird, dass politische und ökonomische Interessen bei der Interpretation und Darstellung der Geschichte immer eine Rolle gespielt haben, sowohl während des sozialistischen Regimes als auch in der kapitalistischen Gesellschaft. Jede Zeit bringt ihre Ideale und Wertvorstellungen mit sich und versucht diese durchzusetzen. Dabei werden historische Fakten, die zur Legitimation der jeweiligen gesellschaftlichen Idealvorstellungen beitragen, in den Vordergrund gerückt, andere treten in den Hintergrund und werden schließlich vergessen.“ (Zitat aus dem einführenden Text von Ilina Korolowa im Katalog, der anlässlich der Ausstellung erscheint)

Der fotografische Blick richtet sich in dieser Arbeit auf geografisch exakt gewählte Ausschnitte der Stadt, die einerseits ohne Menschen abgelichtet sind, andererseits aber Spuren heutigen Lebens sichtbar machen (Autos, Mülltonnen, Baugerüste) und so einer Historisierung im Fotografischen zu entgehen versuchen.

„Diese Geste verortet das Projekt in einer Reihe künstlerischer Arbeiten, die seit den 1970er Jahren mittels einer präzise kalkulierten Bildästhetik Alternativen zur ortsbeschreibenden Fotografie anbieten. Die Fotografien vermeiden bewusst den umfassenden Panoramablick, sie sind so aufgenommen, dass sie die unspektakuläre Banalität des abgebildeten Objekts unterstreichen.“ (Zitat aus dem einführenden Text von Ilina Korolowa im Katalog, der anlässlich der Ausstellung erscheint)

Über die Künstlerin

Judith Siegmund *1965, konzeptuell arbeitende bildende Künstlerin und Philosophin, in Rostock aufgewachsen, lebt in Berlin und lehrt als Juniorprofessorin Theorie der Gestaltung/Ästhetische Theorie/Gendertheorie an der Universität der Künste Berlin. Sie studierte Malerei/ freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Dresden und an der Kunstakademie Stuttgart sowie Philosophie an der Freien Universität Berlin und an der Universität Potsdam. 2007 promovierte sie an der Universität Potsdam.

Ihre Arbeit ist häufig partizipatorisch angelegt. Protagonisten und Protagonistinnen ihrer Projekte sind oft Menschen, die in gesellschaftlichen Randzonen leben, die über ihre Schicksale, Lebenssituation, Träume, Hoffnungen und Ängste berichten. Die Künstlerin verwendete dabei verschiedene Medien, wie Fragebögen, Interviews, Videoaufnahmen, Transparente. Neben zahlreichen Ausstellungsbeteiligungen hält Judith Siegmund regelmäßig Vorträge und publiziert Texte in den Bereichen Ästhetik / Phänomenologie der Kunst / politische Theorie sowie über Kunsttheorie und -praxis. Ihre Monografie „Die Evidenz der Kunst. Künstlerisches Handeln als ästhetische Kommunikation“erschien 2007 im Transcript Verlag, Bielefeld.

 

 

 
Judith Siegmund
"Erinnern ist Vergessen. Vergessen ist Erinnern."
 
Ausstellungsdauer
vom 26.04. bis 06.06.2012

Galerie Amberg 13
18055 Rostock

 

 

 

     
       
     
       
     
       
     
       
  ^ Top